Industrie 4.0: Machen statt reden

04.01.2017
von Robert Horn | MaschinenMarkt

Geht es um den digitalen Wandel, wird in den Firmen heftig diskutiert, aber wenig umgesetzt. Um dies zu vermeiden, ist ein Friedrichshafener Anlagenbauer mit einem sogenannten Hackathon direkt in die Entwicklung konkreter Projektideen eingestiegen.

Oliver Thiel ist begeistert: „Es ist sensationell, was in der kurzen Zeit auf die Beine gestellt wurde.“ Als Bereichsleiter Automation bei der Zeppelin Systems GmbH hat er einen Hackathon initiiert. Bei diesem für die Branche neuartigen Veranstaltungsformat haben die Teams dreier ausgewählter Start-ups bis tief in die Nacht getüftelt und innerhalb von nur eineinhalb Tagen neue digitale Anwendungen für eine Fertigungsanlage entwickelt. „Entstanden sind drei tolle Storys, die zum Weiterdenken anregen“, ist Thiel überzeugt. „Der Hackathon ist ein echter Katalysator für digitale Innovationen.“

Damit ist der Hackathon, den die Zeppelin Systems GmbH veranstaltet hat, ein Beispiel für eine Innovationsbeschleunigung, wie sie in vielen mittelständischen Firmen dringend benötigt wird. Zwar weiß man hier sehr wohl um die Bedeutung von Industrie 4.0 und Internet of Things (IoT), häufig wird über diese Themen jedoch lediglich diskutiert. Das reicht aber nicht, um in einem immer digitaler werdenden und sich dramatisch beschleunigenden Wirtschaftsumfeld zu bestehen. Hackathons zeigen ganz konkret, was durch die neuen Technologien möglich ist. Es wird nicht viel geredet, sondern gleich umgesetzt. Und gerade junge Start-ups können wichtige Impulse für die Digitalisierung der Produktions- und Unternehmensprozesse liefern. Ursprünglich stammt die Idee des Hackathons aus der Software-Industrie. Hier haben sich Hackathons als geeignete Methode erwiesen, um schnell neue Software-Ideen zu konzipieren, umzusetzen und deren Nutzen zu bewerten.

Mehrwert für Industriekunden schaffen

Zeppelin Systems GmbH hatte auf Anregung des VDMA und mit Unterstützung der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) zu dem Industrie-Hackathon eingeladen. Die Start-ups, die im Vorfeld ausgesucht worden waren, wollen produzierende Unternehmen aus dem Mittelstand dabei unterstützen, die digitale Transformation zu bewältigen. Gelingen soll dies mit Big Data, Machine Learning und Augmented Reality (AR). Bei dem Hackathon waren digitale Anwendungen gefragt, die einen ganz konkreten Mehrwert für die Industriekunden schaffen. Unterstützt wurden die Startups von Ingenieuren der Firma Zeppelin Systems.

Im Mittelpunkt des Wettbewerbs stand eine Fertigungsanlage für die Back- und Süßwarenproduktion, die innerhalb des Zeppelin-Technikumverbundes für das Handling hochwertiger Schüttgüter im Food Technology Center in Rödermark aufgebaut ist. Nach einer Einweisung in die Technik legten die Teams aus den Start-ups los und entwickelten ihre Projektideen. Am folgenden Tag präsentierten sie bereits ihre Ergebnisse: Die Firma Actyx hatte eine App programmiert, mit der die Kunden des Bäckers ein individuell zusammengestelltes Brot bestellen können. Bei ihrer Präsentation konnte sie zeigen, wie diese Bestellungen verarbeitet und direkt an die Steuerung der Fertigungsanlage übermittelt werden.

Das Start-up Point 8 visualisierte die aus den von der Anlage generierten Daten. Damit lassen sich verschleißbedingte Fehler früher erkennen. Das Team von Kinemic zeigte am Beispiel einer manuellen Wiegestation, welche Verbesserungen die Steuerung mittels Gesten bringen kann. So muss beim Abwiegen der Bildschirm nicht mehr berührt werden, was unter anderem die Hygienemaßnahmen erheblich vereinfacht. „Auf den Ideen können wir konkret aufsetzen und wir werden den Kontakt mit den Teilnehmern sicher fortsetzen“, freut sich Thiel von Zeppelin Systems. Kurze Dauer, klarer Zeitrahmen, konkrete Ergebnisse – das verspricht ein Hackathon. Damit ist das Veranstaltungsformat eine gute Antwort auf zwei Haupthemmnisse, die die Unternehmen laut einer Umfrage von EY und Bitkom Research selbst für den digitalen Wandel ausgemacht haben. So beklagen zwei von drei Unternehmen einen hohen Investitionsbedarf. Nach Ansicht von 57 % der 550 befragten Unternehmen fehlt es am dafür qualifizierten Personal.

Hohe Investitionen sind nicht nötig

Beide Punkte bringen vor allem den Mittelstand ins Hintertreffen. So haben fast alle großen Konzerne – von Siemens über Bosch bis Trumpf – bereits
eigene Innovationseinheiten für den digitalen Wandel gegründet, in denen sie Start-ups fördern oder neue Geschäftsideen aus den eigenen Reihen verfolgen. Mittelständische und kleine Unternehmen scheuen in der Regel die Investition. Dennoch sollten auch sie sich an Inkubatoren beteiligen und Kooperationen mit Start-ups und Universitäten eingehen, um an das nötige Know-how zu gelangen. Hohe Investitionen sind dazu oft gar nicht erforderlich.

So bieten unter anderem Industrie- und Handelskammern und die Beteiligung in regionalen Netzwerken sehr gute Plattformen, die ebenfalls zum Ziel führen. Weitere Möglichkeiten, um erste Schritte umzusetzen, sind sogenannte Use Cases. Bei diesen wird ein konkreter Prozessabschnitt definiert, für den eine Innovation entwickelt werden soll. EY bietet dazu Startpakete, die nach zehn Tagen ein konkretes Ergebnis liefern. Empfehlenswert sind auch weitere Veranstaltungsformate, die den Austausch zwischen Unternehmen über verschiedene Branchen hinweg fördern, Stichwort: Cross-Industry-Innovation. Hier schaut sich ein Unternehmen in einer anderen Branche die Lösung für ein bestimmtes Problem ab. So entdeckte zum Beispiel BMW bereits vor vielen Jahren die von dem kalifornischen Unternehmen Immersion erfundene TouchsenseTechnologie für die Entwicklung des Bedienkonzeptes für das Fahrerassistenzsystem iDrive. Zuvor wurde diese Technologie hauptsächlich in Joysticks eingesetzt. Um die Innovationsfähigkeit zu beschleunigen, ist es extrem wichtig, an konkreten Innovationen anzusetzen, aber auch das allein reicht nicht aus. Das Unternehmen muss umdenken, seine Organisationstrukturen verändern und auch die Anreize für die Mitarbeiter anders setzen.

Ein Scheitern muss erlaubt sein

Ingenieure und Entwickler, die neue Ideen verfolgen, müssen damit auch scheitern können und das auch dürfen. Sie selbst und die Unternehmen benötigen eine höhere Fehlertoleranz. Dazu gehört unter anderem, dass ein Scheitern nicht bestraft wird. Die Zielsysteme müssen angepasst werden. Statt individueller Vorgaben, die das „Silodenken“ fördern, kommen Teamziele oder eine direkte Kopplung an den Unternehmenserfolg dem neuen Denken sehr viel näher – denn auch ein gescheitertes Projekt bringt wichtige Erkenntnisse. Bei Zeppelin Systems ist das schon heute gelebte Kultur. So eröffnete Oliver Thiel den Hackathon mit den Worten: „Natürlich freuen wir uns über spannende neue Anwendungen. Es ist aber auch absolut in Ordnung, wenn heute keine brauchbaren Ergebnisse herauskommen.“ Gekommen ist es ganz anders. Von dem Erfolg überzeugt, lassen der VDMA und EY eine Reihe von Industrie-Hackathons folgen, die sich unterschiedlichen Schwerpunkten widmen – unter anderem auch der Optimierung der Produktionsprozesse im Maschinenbau. Auf diese Weise soll schließlich ein Leitfaden für die VDMA-Mitgliedsunternehmen entstehen.

* Stefan Bley ist Partner bei der Managementberatung von Ernst & Young in 68165 Mannheim und dort zuständig für den Bereich Anlagen und Maschinenbau, Tel. (06 21) 4 20 81 73 42, stefan.bley@de.ey.com

„Der Hackathon ist ein echter Katalysator für digitale Innovationen.“

Oliver Thiel, Bereichsleiter Automation Zeppelin Systems GmbH